Pleiten, Pech und Plastik

Elektronische Gesundheitskarte noch lange nicht startklar

„Das wohl größte und sensibelste Datensammel-Projekt der Welt startet stümperhaft.“ So kommentiert der Vorsitzende der
Kassenzahnärztlichen Vereinigung Bayerns (KZVB), Dr. Janusz Rat, die jüngsten Pläne der Regierung zur elektronischen Gesundheitskarte.

Jeder gesetzlich Krankenversicherte sollte die elektronische Gesundheitskarte schon seit 2006 in der Tasche haben. Eigentlich. De Facto
aber steht bis heute nicht einmal fest, ob die Patientendaten auf der Karte gespeichert werden oder auf einem zentralen Server, zu dem die Karte als Schlüssel dient. Dennoch kündigt das Bundesgesundheitsministerium an, der bundesweite Rollout werde bereits zum zweiten Quartal 2008 starten. Aus den 10.000er-Tests habe man angeblich gute Zwischenergebnisse erhalten. Deshalb werde auf die bislang geplanten 100.000er-Tests verzichtet.

„Wie können die Verantwortlichen solche Risiken eingehen?“, fragt Rat. „Die traurige Bilanz der 10.000er-Tests zeigt doch, dass das über-ehrgeizige IT-Projekt noch lange nicht startklar ist.“ Von den ursprünglich acht Testregionen ist Bremen im November 2006 ausgestiegen. Die teilnehmenden Ärzte hatten festgestellt, dass die Test-Anwendungen der Karte weder einen medizinischen noch einen wirtschaftlichen Nutzen bringen.

In der bayerischen Testregion Ingolstadt musste der Start der Feldtests verschoben werden. Die Technik war noch nicht reif. Lediglich drei Regionen haben bis dato den Start der 10.000er-Tests bekanntgegeben. „Getestet wurde wohl hauptsächlich der Aufdruck auf der Plastikkarte“, so Rat. „Die Funktionalitäten für das elektronische Rezept und die Notfalldaten stehen schließlich erst seit Juni zur Verfügung.“ Medienberichten zufolge schreiben viele Mediziner in der Testregion Flensburg ihre Rezepte wieder mit der Hand, weil das Speichern auf der Karte zu lange dauert.

„Wird die Karte auf dieser Basis überstürzt eingeführt, sind die Pannen vorprogrammiert“, warnt der KZVB-Vorsitzende. Hinzu komme, dass viele Anwendungen überhaupt noch nicht in einem nennenswerten Umfang getestet wurden, etwa der elektronische Arztbrief und die
elektronische Patientenakte. Rat meint: „Gerade bei diesen Anwendungen darf nicht geschlampt werden. Krankheitsdaten wecken große Begehrlichkeiten, zum Beispiel bei Versicherungen und Arbeitgebern. Sie sind besonders schützenswert.“

Die Vertreterversammlung der KZVB hat – neben vielen anderen ärztlichen und zahnärztlichen Körperschaften, einschließlich der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung – gegen die elektronische Gesundheitskarte in der bisher geplanten Form votiert. „Ohne Akzeptanz durch die Ärzte- und Zahnärzteschaft ist die elektronische Gesundheitskarte sowieso zum Scheitern verurteilt“, so Rat.

Julika Sandt
Pressesprecherin
Kassenzahnärztliche Vereinigung Bayerns
Fallstraße 34
81369 München
Tel.: 089 72 401-184
E-Mail: j.sandt(at)kzvb.de

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