Bewusstsein für die Vergangenheit schärfen

Charlotte Knobloch, Regine Beer
Dr. Frank Portugall, Charlotte Knobloch, Dr. Janusz Rat, Regine Beer (v.li.)

Charlotte Knobloch fordert höheren Stellenwert der Medizingeschichte

München, 30. Januar 2009 - Die Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, hat einen höheren Stellenwert der Medizingeschichte in der universitären Ausbildung von Ärzten und Zahnärzten gefordert. „Junge Ärzte müssen mehr über die Verstrickung ihres Berufsstandes in die Verbrechen des Nationalsozialismus wissen“, forderte Knobloch bei einer Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag des Entzugs der Approbation jüdischer Zahnärzte und Dentisten, die am Freitag in München stattfand.

Charlotte Knobloch, Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Professor Dr. Wolfgang Benz, Zentrum für Antisemitismusforschung
Charlotte Knobloch, Prof. Dr. Wolfgang Benz

Ärzte und andere Heilberufe seien überdurchschnittlich am NS-Unrecht beteiligt gewesen. „In Auschwitz und anderen Konzentrationslagern ist der hippokratische Eid zum Meineid geworden“, so Knobloch. Aus Neid und Profitgier hätten viele Ärzte den Repressalien des NS-Regimes gegenüber ihren jüdischen Kollegen tatenlos zugesehen. Dabei hätte es durchaus Handlungsspielräume gegeben und zwar „ohne Gefahr für Leib und Leben“, wie Knobloch feststellte. Defizite machte Knobloch auch bei der Aufarbeitung des NS-Unrechts aus: Nur 23 Ärzte hätten sich bei den Nürnberger Prozessen verantworten müssen. Knobloch forderte, bei der nächsten Überarbeitung des so genannten Genfer Gelöbnis´, einer Weiterentwicklung des Hippokratischen Eids, eine Widmung zugunsten der Opfer des NS-Regimes aufzunehmen.

NPD-Verbot

Dr. Janusz Rat, Vorsitzender des Vorstandes der KZVB, Charlotte Konbloch, Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland und Michael Schwarz, Präsident der Bayerischen Landeszahnärztekammer (v.li.)
Dr. Janusz Rat, Charlotte Knobloch und Michael Schwarz (v.li.)

Dr. Janusz Rat, der Vorsitzende des Vorstandes der KZVB, forderte in seinem Grußwort ein härteres Vorgehen des Staates gegen Neonazis und Rechtsradikale. Mitglieder von kriminellen Vereinigungen hätten das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit verwirkt. Rat unterstützte darüber hinaus den Vorstoß des bayerischen Innenstaatssekretärs Bernd Weiß über ein erneutes NPD-Verbotsverfahren nachzudenken. „Wir brauchen den Mut zur Intoleranz gegenüber denen, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie umzubringen“, meinte Rat in Anlehnung an ein Carlo Schmid-Zitat.

Im Münchner Zahnärztehaus erinnert noch bis 13. März 2009 eine Ausstellung an den Entzug der Approbation jüdischer Zahnärzte im Januar 1939.
Die Öffnungszeiten sind Montag bis Freitag 9 bis 16 Uhr.

 

Für Rückfragen:

Leo Hofmeier
Kassenzahnärztliche Vereinigung Bayerns
Fallstraße 34
81369 München
Tel.: 089 72401-184
E-Mail: presse(at)kzvb.de

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Rede Dr. Janusz Rat, Vorsitzender des Vorstandes der KZVB:
Geraubte Würde

Rede Prof. Dr. Walter Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin
Heilen und „Sieg Heil“ — der Antisemitismus bei den Heilberufen während der NS-Zeit